Immer online?

Familienleben
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Immer online?

Streitthema Smartphone und wie Eltern damit umgehen können

Wenn es im Kinderzimmer zu lange verdächtig ruhig ist, brauch ich im Grunde gar nicht reinschauen, um zu wissen, welches Bild mich erwartet. „Willst Du mich schon wieder kontrollieren“, schallt es mir auch prompt aus der Ecke entgegen, wo der Junior mit seinem Smartphone samt Ohrstöpseln chillt.  „Wir räumen Dein Zimmer aus, Du brauchst ja außer Sitzsack und Handy eh nichts anderes mehr“, lautet hin und wieder meine wütende Antwort, manchmal kommt auch nur ein achselzuckender Seufzer. Szenen, die sich so oder ähnlich in vielen Familien abspielen, fand eine aktuelle Studie von  Mannheimer Medienforscher heraus. Die meisten Eltern machen sich Sorgen über die übermäßige Handy-Nutzung ihrer Kinder – und stehen dem Thema mehr oder weniger hilflos gegenüber.


„Ach, Mama, was machst Du denn. Komm, ich zeig Dir schnell wie das geht.“ – Dass mein Sohn sich nicht nur auf seinem, sondern auch auf meinem Phone viel besser auskennt als ich nehme ich inzwischen gelassen zur Kenntnis. Die Hoffnung, seinen Umgang damit lückenlos im Blick zu behalten oder gar zu kontrollieren, hab ich schnell aufgegeben. Spätestens als er mir eines Abends eingestand „Du, ich muss Dir was sagen. Ich bin jetzt bei Instagram“ – und ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach, war mir klar, dass ich ihm auf den digitalen Wegen ohnehin nicht ständig folgen kann. Aber  ihm deshalb verbieten, sie zu gehen, nur weil ich nicht mitkomme? Eine Frau, die ihr erstes Handy erst mit jenseits der 30 hatte und auch beim jetzigen Smartphone zahlreiche Funktionen gar nicht nutzt, die mein Leben – vielleicht - leichter machen könnten? Habe mich im ersten Schritt bei älteren Jugendlichen schlau gefragt und übers Internet recherchiert, wie man das angelegte Instagram-Konto wieder löschen kann. Parallel mich an meine Jugendzeit zurück erinnert. So wie ich meinen Sohn störe, wenn er – innerlich weit weg von allem - genüsslich mit seinem Handy chillt, so hat meine Mutter mich genervt, wenn ich in Ruhe lesen wollte. Ich las damals mehrere Bücher pro Woche und war währenddessen unansprechbar und weit weg von allem, aber süchtig? Geben wir doch zu - die Smartphone-Manie unserer Kinder ist uns analogen Eltern doch vor allem deshalb so unheimlich, weil wir bei all den Möglichkeiten, die sich ihnen dort bietet, längst den Überblick verloren haben und sie da nicht länger begleiten können. Wohin auch? Weder die Online-Spiele noch die WhatsApp Gruppen, mit den denen er seine Zeit verbringt, faszinieren mich. Ich habe auch keine Lust zu kontrollieren, was er sich mit seinen Freunden schreibt - ich höre schließlich auch nicht bei seinen Telefonaten zu. 

Das heißt aber nicht, dass ich mich zu den 15% Laissez-faire-Eltern rechne, die laut der Studie vor den „mobilen Multifunktionsapparaten kapituliert haben“ und ihre Kinder online gewähren lassen, um sich Ärger und Konflikte zu sparen. Wir haben einige Online-Regeln, nach denen das Phone abends abgeschaltet und über Nacht auf dem Flur-Schränkchen deponiert wird und  er keine Games spielen darf, die für sein Alter nicht freigegeben sind. Parallel schau ich, dass wir auch klassische Spiele zusammen am Tisch spielen, viele Aktivitäten draußen stattfinden und das immer wieder spannende Bücher für ihn im Angebot sind.

Nach dem Instagram-Geständnis führten wir ein (neuerliches) Gespräch über Vertrauen. Abgesehen von dem Ärger, dass er meine Regel „keine Downloads ohne mein Wissen und die vorherige Erlaubnis“ gebrochen hat, habe ich mich ja gefreut, dass er mir von sich aus davon erzählt hat und sogar zugeben konnte, dass er sich dabei von Freunden hat mitreißen lassen und erst im Nachhinein merkte, dass ihn das alles überforderte. Was will man als Eltern mehr von seinem Kind? Haben wir nie über die Stränge geschlagen? Handys gab es damals nicht, stattdessen wüste Kampfspiele mit den Banden aus der Nachbarschaft, bei denen wir oft weit weg von zuhause unterwegs waren. Ohne Handy. Hatten unsere Eltern da nicht auch das Vertrauen, dass wir abends wieder heil am Tisch sitzen werden, ohne dass sie uns auf Schritt und Tritt folgten? Einmal kam ich nicht zum Abendessen heim und meine Mutter musste mich nach langem Suchen in Dunkeln von einem Laternenpfahl losbinden, wo die andere Bande meine Freundin und mich mit einer Wäscheleine gefesselt und zurück gelassen hatte. Trotzdem durfte ich weiterhin ungehindert draußen spielen.

Vertrauen heißt für mich, dass mein Sohn sich von meiner Ansicht nach widerlichen und gefährdenden Inhalten, die er bei seinen YouTube–Wanderungen problemlos finden könnte, freiwillig fernhält. Ich habe ihm erklärt, dass es Dinge gibt, die der Kopf nicht mehr vergessen kann, wenn man sie erst einmal gehört oder gesehen hat und dass ich ihn vor dieser Erfahrung schützen möchte. Wir haben zusammen Online-Spiele gezockt und dabei erlebt wie sich die Werbeangebote bei den so genannten kostenlosen Games und Apps vervielfachen, und man ohne Bezahlfunktion irgendwann nicht mehr weiterkommt. Ich habe ihm klar verboten, mit Menschen zu chatten oder Kontakt zu haben, die er im wirklichen Leben noch nicht gesehen hat. Mit dieser Haltung bin ich laut der obigen Studie eine Mischform aus den „freundschaftlich-liberalen“ Eltern, die viel Verständnis für die Handy-Begeisterung ihrer Kinder haben und sich wenig Sorgen machen und aus den so genannten „kindzentrierten Aktiven“, die sich mit dem Handy-Konsum ihrer Kinder stark auseinander setzen, viel darüber sprechen und sich um altersgerechte Vorgaben bemühen. Es gibt außerdem noch die „ängstlich-konservativen Reglementierer“, die den Smartphone-Umgang ihrer Kinder komplett einschränken. Interessant ist, dass den meisten Eltern – bei allen vier Gruppen – die Möglichkeiten von technischen Nutzungseinschränkungen weitgehend unbekannt sind und sich die wenigsten von ihnen medienpädagogischen Rat aus dem Internet holen.

Fakt ist – ohne ein bisschen Anstrengung geht es nicht – auch nicht für Eltern. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, welche Regeln uns wichtig sind und diese nicht nur mit dem Nachwuchs besprechen, sondern auch konsequent umsetzen. Das ist anstrengend. Etwa die Vorgabe „Keine Handys bei den Mahlzeiten“ – die übrigens auch für uns selbst einzuhalten ist. Oder eine zeitliche Begrenzung des Online-Zugangs.

Wenn Eltern das Gespräch und einen guten Kontakt zu ihren Kindern halten und sich regelmäßig genügend Zeit und Aufmerksamkeit für ihre Belange nehmen, wirkt sich das auch auf den Umgang mit dem Smartphone aus. Vor allem, wenn Eltern die eigene Vorbildfunktion im Kopf haben und sich auch die Mühe machen, ihren Nachwuchs immer mal für Aktivitäten jenseits des Phones zu begeistern. Medien stellen Kinder ruhig,  was manchmal für uns Eltern auch sehr bequem ist, machen wir uns da nichts vor. Dennoch kann man im Bemühen um Alternativ-Angebote auch den eigenen Horizont erweitern oder Vergessenes wieder hervorkramen. Anspruchsvolle Brettspiele wie Schach oder auch Dame und Mühle z.B. können auch Teenager faszinieren. Oder – warum sich nicht mal miteinander hinsetzen, um sich gemeinsam die Finessen des traditionellen Schafkopfspiels zu vertiefen? Dazu gibt es übrigens inzwischen auch wirklich gute Apps, mit denen dann weiter geübt werden kann.

Ein ähnliches Resümee zieht ein Bericht der Bayerischen Rundschau (Artikel vom 6.1.2016), die unter der Überschrift „Verschlägt es der Jugend die Sprache“ über eine neue Untersuchung der Techniker-Krankenkasse berichtet. Danach bewirkt die massive Handy-Nutzung bei Jugendlichen negative Auswirkungen auf die Sprachentwicklung, weil sich die Zahl der ausgestellten Logopädie-Verordnungen bei den 10- bis 15-Jährigen innerhalb der letzten Jahre massiv erhöht habe. Konkret benannt werden dabei u.a. die beliebten Kurznachrichten mit beschränkter Zeichenzahl, dem Vermischen von deutsch-englischen Begriffen und eigentümlichen Abkürzungen. Ein Zusammenhang, den aber z.B. der Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik an der Universität Würzburg, bestreitet, weil es äußere Einflüsse von Fernseher oder Computer schon immer gegeben habe. Wichtiger sei vielmehr die Förderung der Sprachentwicklung von Kindern durch ihre Eltern, die sich mit dem Nachwuchs nicht nur beschäftigen müssten, sondern z.B. auch seine Handlungen und Lebenssituation sprachlich begleiten. Hingegen könne sich Vernachlässigung innerhalb der Familie negativ auf die Sprachentwicklung auswirken und die Intensität der Mediennutzung sollte bei Kindern und Jugendlichen immer wieder kritisch hinterfragt werden. „Förderlich ist es sicherlich nicht, wenn Jugendliche ständig aufs Smartphone schauen oder vor dem Fernseher sitzen.“

Im gemeinsamen Nordseeurlaub gab es viele Momente, bei denen das Handy plötzlich völlig vergessen war, z.B. beim begeisterten Fliegen des Lenkdrachens. Tatsächlich kam es vor, dass ich um mein Phone gebeten wurde, um damit Fotos zu schießen, weil das eigene in der Ferienwohnung vergessen wurde. Das lag jetzt sicher nicht unbedingt daran, dass unser Ferienprogramm so unglaublich spannend war, sondern resultierte auch daraus, dass in den Ferien die Online-Aktivitäten in der Klassen- und Freunde-Gruppe deutlich nachließen und es dadurch plötzlich nicht mehr so viel Gründe gab, auf das Display zu schauen. Und darum geht es unseren Kindern doch vor allem, wenn sie mit ihrem Handy zugange sind: dabei zu sein, Bescheid zu wissen, was abgeht und dazu zu gehören. Sei es im Gespräch über die Geräte, Games, technische Neuerungen oder was immer oder eben durch die Kontakte und Diskussionen in den WhatsApp-Gruppen. Die sind ja beim Austausch über die Hausaufgaben oder Änderungen im Stundenplan sogar manchmal ganz praktisch. Kein Heranwachsender in diesem Alter möchte sich durch individuelles Anderssein von den anderen abgrenzen, jeder möchte Teil der Gemeinschaft sein, und zu dieser gehört nun mal auch die Mediennutzung.

„Eine der Hauptsorgen von Eltern ist, dass ihre Kinder nicht mehr ohne das Smartphone leben können“, erklärt die Medienpädagogin Angelika Beranek in einem FAZ-Artikel („Mein Kind, ein Smartphone-Junkie“, FAZ 21.6.2014). „Viele Jugendlichen nutzen das Smartphone zwar intensiv, sie sind aber nicht abhängig“, zitiert die FAZ die versierte Fachfrau. Und weiter: „Süchtig ist man, wenn man den Gebrauch von etwas nicht mehr kontrollieren kann. Das gilt nach Beraneks Angaben nur für wenige Jugendliche und dann für Computerspiele. Denn wo will man bei der Nutzung sozialer Medien wie Whatsapp, Twitter, Snapchat, Instragram und Facebook die Grenze zur Sucht ziehen? Süchtig wäre, wer seine Gedanken von solchen Anbietern nicht mehr lösen kann. „Doch man denkt ja nicht an das Medium selbst, sondern an die Freunde, die dort unterwegs sind“, erklärt Beranek. Tatsächlich zeigt die JIM-Studie, dass Jugendliche vor allem im Netz unterwegs sind, um zu kommunizieren: 45 Prozent ihrer Zeit im Internet verwenden sie dafür, 17 Prozent für Spiele, 13 Prozent für die Suche nach Informationen und 24 Prozent für Unterhaltung (Musik, Videos, Bilder).“ (Quelle: FAZ)

Wer selbst permanent bei Facebook postet und Likes verteilt, darf sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs das auch faszinierend findet. Heißt also, sich die Zeit nehmen, ihm nicht nur dabei zu helfen, das Konto mit größtmöglichen Schutz der Privatsphäre einzurichten, sondern auch erklären, worum es geht und worauf zu achten ist. Vor allem bei der Weitergabe von eigenen Fotos und anderen persönlichen Details. Facebook vergisst nichts – diesen Satz und die schamvollen Konsequenzen, die er für sich selbst enthalten kann, verstehen auch und gerade pubertierende Heranwachsende. Auch hier gibt es übrigens technische Kontrollmöglichkeiten: Eltern können sich über zahlreiche Facebook-Aktivitäten ihrer Kinder per Email benachrichtigen lassen. Das lässt sich bei relativ einfach bei den Einstellungen einrichten. Was die wenigsten wissen: Kinder haben in den Sozialen Netzwerken der Erwachsenen keinen ausreichenden Schutz. Deshalb sind Facebook, Twitter, Instagram und ask.fm laut AGB erst ab 13 Jahren erlaubt, ebenso Skype. WhatsApp darf sogar erst ab 16 Jahren genutzt werden. Eigentlich.

Experten wie Ralf Schmitz von der Non-Profit-Initiative Sicher-Stark raten dazu, dass Eltern frühzeitig ihre Kinder dabei unterstützen, ein sicheres Verhalten im Umgang mit dem Internet, mit Smartphones und den sozialen Medien zu erlernen: „Nach der Grundschulzeit sind die Kinder meist alleine mit ihren Smartphones online. Dann können Eltern nur noch wenig Einfluss auf das Surfverhalten nehmen.“  Auch wenn sich viele Eltern theoretisch darüber im Klaren sind, dass hier auch eine ihrer Aufgaben als Erziehungsberechtigte liegt, wissen viele oft nicht, wie sie das Thema richtig angehen. Helfen kann dabei das inzwischen breite Angebot an Informationsmaterial, das zahlreiche Tipps und  Hilfestellungen für Eltern enthält. Und – eine entspannte Haltung, die die Smartphone-Nutzung nicht grundsätzlich verteufelt, sondern auch die positiven Aspekte sieht. Nur damit sind Eltern für für ihre Kinder vertrauensvolle Bezugspersonen und können ihnen helfen, die Herausforderungen des Netzes zu meistern.

Kerstin Bönisch

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