Wie fühlt sich Zimt an?

Familienleben
Der Jahreszeitentisch in der Adventszeit - ©initiative johanni

Wie fühlt sich  Zimt an?

Die Advents- und Weihnachtszeit mit geistig beeinträchtigten Kindern erleben

Das Fest der Liebe,  Geschenke unterm Tannenbaum, Jesus in der Krippe, Konsumstress und Geschenke-Berge, Kerzenschein und glitzernde Kugeln – das Weihnachtsfest ist für uns mit vielen Bildern und Gefühlen verbunden, mit Ritualen und Symbolen und für jeden einzelnen von uns mit einer sehr persönlichen Bedeutung. Wie kann man all dies an Kinder vermitteln, die geistig beeinträchtigt sind? Können sie lernen, die Bedeutung von Weihnachten zu erfassen? Bambolino sprach mit Monika Stilkerich, die seit acht Jahren als  Erzieherin an der Johannes-Schule in Scheßlitz mit schwerbehinderten Kindern und Jugendlichen arbeitet.

Monika Stilkerich beim jährlichen Adventsmarkt – ©initiative johanni
Das Fest der Liebe wird in der Johannes-Schule das ganze Jahr über gefeiert, denn – so Monika Stilkerich – anders als mit Liebe könne man den Kindern dort gar nicht begegnen. „Der respektvolle und liebevolle Umgang miteinander steht bei uns das ganze Jahr über im Mittelunkt und ist die grundsätzliche Voraussetzung für unsere Arbeit, wie ein Fundament, sonst kann alles andere hier nicht gelingen. Wir leben die Liebe zu den zu betreuenden Kindern und lassen sie erleben, was für ein schönes Gefühl es ist, in der Gemeinschaft zu sein. Damit beginnen wir z.B. unseren Morgenkreis an jedem Morgen, wenn wir alle beieinander sitzen und ein Kind die Kerze anzünden darf.“ Ihre Arbeit basiere auf der Grundlage der Waldorfpädagogik, berichtet die Erzieherin, daher seien die Kinder an der Schule für sie und ihre Kollegen nicht geistig behindert, sondern auf außergewöhnliche Weise bedürftig, weil sie eine besondere Pflege ihrer Seele benötigen.

Um die Kinder und Jugendlichen trotz ihrer Beeinträchtigungen die Weihnachtszeit mit allen Sinnen erfahren und begreifen zu lassen, gebe es zwei entscheidende Komponenten, erläutert die 57-Jährige. „Zum einen ist die persönliche Haltung der Erzieher maßgeblich dafür, was sich in den Kindern festlegen kann. Diese können nur Vorbild sein, wenn sie ihr Handeln selbst verinnerlicht haben. Die Andacht und Ernsthaftigkeit und auch die Feierlichkeit der Weihnachtszeit muss für die Kinder deutlich spürbar und erlebbar sein, um ihre Seele zu erreichen, und dann wirkt es auch.“

An jedem Montagmorgen beginnt die ganze Schulgemeinschaft mit den derzeit 32 Kindern in der Aula gemeinsam die Woche. In der Adventszeit gehören dazu eine Kerze und ein großer Adventskranz. Mit Musik und Geschichten zur Weihnachtszeit wird eine besinnliche Stimmung geschaffen. In den Klassenzimmern wird diese Stimmung dann aufgegriffen mit dem zweiten wichtigen Punkt, den die Erzieherin nennt: „Einen Rahmen zu schaffen, eine stimmungsvolle Umgebung, die die Sinne der Kinder anspricht, sie spüren, riechen und sehen lässt und damit ihre Eindrücke verfestigt.“ In der Johannes-Schule gehört dazu ein so genannter „Jahreszeitentisch“ in jedem Klassenraum, für den die Kinder bei Spaziergängen Naturmaterialien sammeln. Auf diesem Tisch wird für die Kinder die Weihnachtsgeschichte erlebbar gemacht. Die Herbergssuche z.B. mit farbigen Tüchern und selbstgefertigten Filzpüppchen in Kegelform,  die sich über den Tisch bewegen. Dazu gibt es passende Geschichten wie „Maria`s Eselein“.

Auch adventliche Rituale wie das Plätzchen backen oder basteln erleben die Kinder in der Johannes-Schule – nur eben ein bisschen intensiver und langsamer, damit sie alles aufnehmen können. „Auch hier arbeiten wir stark über die Sinne: Wie riecht der Zimt? Wonach fühlt er sich an?  Wie sauer schmeckt beim Plätzchen backen ein Tropfen Zitrone auf der Zunge?“, erzählt Monika Stilkerich. So wird das Plätzchen backen zu einem intensiven Lernprozess, der sich über mehrere Wochen hinzieht. „Zuerst mahlen wir gemeinsam das Getreide. Dann wird gebacken und wieder eine Woche später die fertigen Plätzchen verziert und zuletzt verpackt.“ Ein Bastelhöhepunkt in der Adventszeit sei außerdem das Kerzenziehen, berichtet sie, das auch ein schönes Beispiel für das prozesshafte Lernen sei, das Erfahren von Veränderungen. „Dazu wird ein langer Tisch mit Tannenzweigen, Edelsteinen und Lichtern geschmückt. Den umlaufen die Kinder (Rollifahrer werden geschoben) singend mit einem vorbereiteten Docht,  bis zu einem großen Topf mit duftendem Bienenwachs. Der Docht wird mit jeder Runde ins Wachs getaucht, bis die Kerze wächst.“


Begonnen wird die Adventszeit in der Johannes-Schule mit dem „Adventsgärtlein“ – und das ist wirklich etwas ganz Besonderes. Dafür wird ein ganzer Raum großzügig mit einer riesigen Spirale aus Tannenzweigen ausgelegt, so dass die Kinder nicht nur an ihr entlang gehen, sondern sie auch mit dem Rollstuhl abfahren können. Ziel ist die große Kerze, die in der Mitte der Spirale mit einer Lilie geschmückt auf sie wartet. Für ihren Gang durch die Spirale holt sich jedes Kind einen Apfel, in dem eine Stabkerze steckt und durchläuft allein die große, nach frischen Tannen duftende Spirale. „Das sind ganz bewegende Momente, die wir dabei erleben“, begeistert sich Monika Stilkerich. „Jedes Kind durchläuft die Spirale und die immer enger gelegten Kreise anders: einige ganz schnell und zielgerichtet, andere sehr versonnen und verträumt, manche bleiben auch immer mal wieder stehen auf ihrem Weg. Aber sie alle erreichen den Mittelpunkt, an dem sie ihre eigene Kerze entzünden.“ Jedem Kind wird die Zeit gegeben, die es braucht, um in diese Spirale zu gehen und wieder heraus kommen. Währenddessen singen die anderen Kinder zum Harfenspiel Lieder dazu. „Das ist ein für uns alle erlebbares Suchen nach Licht auf dem Weg in das Innere“, betont die Erzieherin. Wenn die Kinder ihre Kerze entzündet haben, tragen sie es vorsichtig und andächtig zurück und suchen in der Spirale einen Platz für ihr Licht. Monika Stilkerich: „Wer einmal gesehen hat, wie ehrfurchtsvoll die Kinder ihre Kerze durch den Raum tragen, vergisst das nie. Zum Schluss erhellt die leuchtende Spirale den ganzen Raum, und wir bestaunen sie alle gemeinsam.“


INFOKASTEN

Die Johannes-Schule ist offen für geistig beeinträchtigte Kinder jeden Alters und hat derzeit noch einige Schulplätze frei. Obwohl sie ein privates Förderzentrum ist, ist der Schulbesuch durch die Kostenübernahme durch den Bezirk und die Regierung von Oberfranken kostenlos – inklusive Fahrdienst ab der Haustür. Der Schulsprengel ist weit gefasst und reicht von Kulmbach bis Ebrach und von Coburg bis Forchheim.

Mehr Infos unter www.initiative-johanni.de

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