Warum eine Mädchensprechstunde beim Frauenarzt Sinn macht

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Warum eine Mädchensprechstunde beim Frauenarzt Sinn macht

…4 Fragen an Dr. Martina Hoffmann

Man meint in Zeiten von einer umfassenden Social Media-Aufklärung wären alle Jugendlichen bereits bestens informiert. Warum bieten Sie eine Mädchensprechstunde an?

Zum einen sind die Mädchen erstaunlich gut aufgeklärt, zum anderen wissen sie erschreckend wenig über ihre eigene Anatomie und übertragbare Krankheiten. In unserer Mädchensprechstunde geht es vor allem darum, die Angst vor dem Arztbesuch und der Untersuchung zu nehmen. Daher empfehle ich auch immer, dass der erste Besuch auf jeden Fall vor dem ersten Geschlechtsverkehr und besonders dann stattfinden sollte, wenn noch keine Beschwerden vorliegen. Zwar geht die Initiative erfahrungsgemäß meist von den Müttern aus, aber zwingen sollte man seine Tochter nicht – nur anbieten.

Ab wann empfehlen Sie einen Besuch?

Es gibt ja verschiedene Gründe für ein Gespräch. Zum einen gibt es die Verhütungsberatung, die nie zu früh stattfinden kann. Mit diesem Anliegen kommen meist Mädchen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren zu mir. Das ist zum Beispiel ein Thema, da wissen sie unheimlich gut Bescheid -über Vor- und Nachteile der Pille zum Beispiel. Wann aber die Pille versagt, was man bei der Einnahme beachten muss, damit ein lückenloser Schutz besteht, da sehe ich dann viele Fragezeichen in den Gesichtern. Damit ist natürlich auch immer eine Aufklärung über die verschiedenen Geschlechtskrankheiten verbunden. Erstaunlicherweise denken viele, dass die Pille auch gegen eine HIV-Ansteckung hilft. Ein anderes wichtiges Thema ist die HPV-Impfung – die Aufklärung kann hier auch durch den Kinder- oder Hausarzt erfolgen. Damit sollten sich Mädchen bzw. deren Eltern bereits ab 9 Jahren mal befassen. Wer bis 14 impft, benötigt nämlich nur zwei Impfungen – außerdem sollte dies vor dem ersten Geschlechtsverkehr abgeschlossen sein. Dann natürlich das allgemeine Kennlerngespräch und als vierten Besuchsgrund wären Beschwerden der Fall.

Wie muss man sich den Ablauf eines solchen Gespräches vorstellen? Sind die Eltern erwünscht?

Ob mit Mama oder ohne (Väter sind eher selten) entscheidet in der Regel das Mädchen selbst. Anfangs sind die Meisten natürlich schüchtern, aber je länger das Gespräch dauert, werden die Nachfragen konkreter. An Modellen erklären wir den Ablauf einer Untersuchung und da stellt sich dann doch das ein oder andere AHA-Erlebnis ein. Daher plädiere ich auch immer für eine frühzeitige Aufklärung – so können unnötige Panikattacken über verschwundene Tampons oder Kondome vermieden werden.

Gibt es eigentlich auch so etwas wie eine Jungssprechstunde?

Leider nein – es wäre allerdings wünschenswert! Wir dürfen Jungs nur im Rahmen eines Gesprächs mit unserer Patientin aufklären. Verhütung ist allerdings immer noch hauptsächlich Frauensache und in diesem Alter begleiten die Jungs ihre Freundinnen eher selten bis nie zu solchen Terminen. Studien aus Australien haben deutlich gemacht, dass eine HPV-Impfung durchaus auch bei Männern sinnvoll ist, da diese die Überträger sind. Hier würde ich mir eine Anlaufstelle für Jungs wünschen, wo diese ebenfalls konkret nachfragen können.


Dr. Martina Hoffmann bietet ihre Mädchensprechstunden in der Gemeinschaftspraxis „Frauenärzte vom Bruderwald“ an.

Virtuell kann man die Praxis unter www.frauenaerzte-vom-bruderwald.de kennenlernen.



Gut zu wissen…

Bis zum 20. Lebensjahr übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Pille

Einen kostenlosen und anonymen HIV-Test kann man jederzeit beim Gesundheitsamt durchführen lassen.

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