Die innere Widerstandskraft stärken

Familienleben
Digital StillCamera - ©avena hof

Die innere Widerstandskraft stärken  

Ein Gespräch über die Resilienz und wie man diese für sich erlangen kann

Resilienz – einer jener neuen In-Begriffe, der uns gerade überall begegnet. Wer ihn trotzdem (noch) nicht kennt, kann ihn mit der „inneren Widerstandskraft“ übersetzen oder dem „seelischen Immunsystem“.  Die Wochen um den Jahreswechsel nutzen viele Menschen als Zeit des Innehaltens und der Neu-Ausrichtung, gerade auch in den Familien. Hier möchten sich Mütter und Väter im Spagat zwischen den zahllosen Verpflichtungen des Alltags gerne öfter mal eine hochdosierte Resilienz aus der Apotheke des Lebens ordern. Wir ließen einige Mütter erzählen, woher sie sich im Alltag ihre innere Stärke holen und trafen das Therapeuten-Paar Friederike Klein und Thomas Kovacic zum Gespräch. Die beiden haben sich in einem Winkel der Fränkischen Schweiz eine Oase des Glücks für sich und andere geschaffen.  Ein Besuch auf dem Avena Hof.

©avena hof
Die  gut 20 Kilometer lange Fahrt von Bamberg über diverse Dörfer und immer längere Landstraßen-Abschnitte bis zum Ortseingang von Voitmannsdorf ist ein gutes Warm-up für ein Gespräch über innere Gelassenheit. Der Avena-Hof ist ein kleines Ensemble von Gebäuden, alle mit viel Holz ausgebaut. Der vorgelagerte Parkplatz gibt Einblick auf eine Scheune und landwirtschaftliches Gerät. Auf dem naturbelassenen Grundstück drumherum finden sich Spielgeräte, viel Wiese, ein Steinkreis und diverse Gemüse-Beete sowie eine afrikanische Hütte, die die örtlichen Kindergartenkinder während eines Projektes erbauten. Dass manche Dorfbewohner auch nach 20 Jahren des nachbarschaftlichen Miteinanders die Menschen und den Avena Hof eher skeptisch betrachten und hier ein zumindest sektenähnliches Zusammenleben vermuten, wie es Thomas schmunzelnd erzählt, ist nachvollziehbar. Eine Klingel hat der Eingang nicht, die Tür ist natürlich offen und führt in einen gemütlichen Raum mit viel hellem Holz, Fußbodenheizung und der obligatorischen Tasse Tee. Keine Frage, die entspannte Atmosphäre hier ist Teil des Lebenskonzeptes, aber absolut authentisch. Friederike und Thomas arbeiten seit Jahrzehnten miteinander als ganzheitliche Therapeuten und Dozenten und müssen über meine Fragen zum Mode-Thema Resilienz lächeln. Tatsächlich haben die zwei die vorgeblichen Prinzipien dafür schon viele Jahre aktiv in ihr Leben integriert.

„Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ (Albert Camus)


So gehören zu den Säulen der seelischen inneren Widerstandskraft als wichtigste Ressource die sozialen Bindungen und Beziehungen und die hat sich das Paar in vielfältiger Weise geschaffen: „Wir haben hier und in der ganzen Welt Freunde, die uns auch besuchen kommen.“ Auch der Optimismus, der Glaube an die eigenen Fähigkeiten gilt als ein wichtiges Resilienz-Prinzip, genauso wie das Vermögen, in Niederlagen nicht stecken zu bleiben, sondern es weiter zu versuchen. Das Aufbauen innerer Widerstandskraft gelingt uns am besten in einer Krise – so beschreiben es Fachartikel, und da sind wir dann beim Vergleich mit dem körperlichen Immunsystem: Genau so wie  dieses im Kampf gegen Krankheitserreger gestärkt wird, wächst die Fähigkeit zur Resilienz während einer Krise. Auch der Avena Hof entstand aus einer Krise, besser: einer Vision von Friederike, die sie hatte, als ihre Kraft ganz flach am Boden lag. Das Kinesiologische Institut, das sie vor 30 Jahren in Bamberg gründete und das bis heute – inzwischen in veränderter Form als Gesundheitszentrum – besteht, wuchs nach schon in den Anfangsjahren rasant. „Wir hatten zuletzt 18 Mitarbeiter, und es lief unglaublich erfolgreich. Aber ich lief nicht mehr“, bilanziert die zweifache Mutter rückblickend nüchtern. Eine schwere Erkrankung und massive Erschöpfungszustände führten die beiden, die sich seit 30 Jahren kennen – zuerst über die Arbeit, dann als beste Freunde und nun seit zwanzig Jahren als Paar – zu einer radikalen Entscheidung: Rückbau des erfolgreichen Instituts mit neuem Konzept und nur noch einer Handvoll Mitarbeitern und Rückzug – raus aus der Stadt in die abgelegene Fränkische Schweiz.

Ein Neuanfang mit dem Avena Hof. Thomas: „Zu einer entspannten Grundhaltung dem Leben gegenüber gehört vor allem das Loslassen, sowohl materiell als auch in Beziehungen.“ Dabei halfen den beiden begeisterten Bergsteigern die Erfahrungen von ihren zahlreichen Reisen, die sie oft zu ärmeren Kulturen führen. „Die größten Glücksmomente habe ich in der Einfachheit erlebt. Wir erleben immer wieder, dass die Menschen, die am einfachsten leben, das größte Lächeln im Gesicht haben“, berichtet Friederike, und die beiden erzählen begeistert von einem Besuche bei buddhistischen Mönchen oben am Himalaya. „Sie begrüßen morgens die Sonne und den Tag mit einem Lächeln und sind dankbar, dass sie beides haben. Sie holen sich frisches Wasser von der Quelle und begrüßen auch das Wasser. Diese Dankbarkeit dafür, dass nicht alles im Leben selbstverständlich ist wollen wir uns erhalten und das Staunen, was alles möglich ist“, betont Thomas. Für dieses Bewusstsein müsse niemand in die armen Regionen nach Afrika oder Asien reisen. „Auch hier in Deutschland gibt es genug Möglichkeiten, in Strukturen hinein zu gehen, wo Menschen auf andere Art leben als man selbst. Das Lernen hört nie auf in unserem Leben, und mein Ziel ist es, eine Meisterschaft zu erlangen in meinem eigenen Leben. Das gelingt am besten durch vielfältige Kontakte mit verschiedenen Menschen und Kulturen und durch das Eingehen von Risiken: auch mal etwas probieren, was ich noch nicht gemacht habe und noch nicht kenne.“

„Mein Ziel ist es, eine Meisterschaft zu erlangen in meinem eigenen Leben.“ (Thomas Kovacic)

Heute arbeiten nur noch fünf Mitarbeiterinnen im Bamberger Gesundheitszentrum, während die beiden ihre Seminare und Beratungen nun am Avena Hof abhalten, wo sie seit zwei Jahrzehnten auch miteinander leben. „Ich wollte immer nur glücklich sein“, formuliert Friederike ihr Lebensziel und dieses Glück, was sie sich täglich schaffen, bieten sie auch anderen an. Sei es im Rahmen der Hofgemeinschaft, die sie derzeit mit zwei anderen Paaren und einem Rentner leben oder indem sie sie einladen, wie etwa jene drei jungen Träger vom Kilimandscharo vor zehn Jahren, denen sie bei einer Bergtour begegneten und deren innere Resignation sie so berührte, dass sie handeln wollten. „Sie sagten uns damals ‚Wir haben keine Chance etwas zu verändern, wir haben ja nicht einmal einen Pass, um das Land zu verlassen‘“, erinnert sich Thomas. „„Das Wegsehen fällt uns immer schwer“, lächeln beide.Es dauerte nicht lange, bis die Pässe organisiert waren und damit die Eintrittskarte zu einem einjährigen Besuch bei Thomas und Friederike. „Wir wollten ihnen zeigen, dass Veränderung immer möglich ist, es sie spüren lassen, damit sie ihre Opferrolle verlassen können. Nur darüber reden wäre zu wenig gewesen.“ Thomas hat noch heute vor Augen, wie Elibariki staunend den Wasserhahn im Bad bediente, wo klares Wasser herauskam, wenn man den Hebel zur Seite schob und warmes Wasser, wenn er zur anderen Seite geschoben wurde. „Dieses Staunen und vor allem die Dankbarkeit für alles, was uns zur Verfügung steht, haben die meisten Menschen vergessen“, meint er. Was die drei jungen Männer aus Deutschland mit nach Hause nahmen war die Erkenntnis, dass man hier zwar in mehr Wohlstand lebt als bei ihnen, dass aber auch hier dafür gearbeitet werden muss. Thomas und Friederike unterstützten ihre Ausbildung, und jeder von ihnen hat sich in Tansania eine kleine Firma aufgebaut.

„Resilienz heißt für mich, ein Gefühl dafür zu bekommen, im Jetzt zu leben und dafür seine Energie zu investieren.“ (Friederike Klein)

Die drei waren es auch, die Thomas und Friederike in Tansania auf jene junge Frau


aufmerksam machten, die wegen ihrer durch Polio verursachten Lähmung von ihrer Familie verstoßen und von einem Priester aufgenommen wurde. Rose Swai brachte sich selbst wieder das Gehen bei und gründete – um das ihr Geschenkte zurück zu geben – trotz ihrer schweren Erkrankung eine Schule für arme Kinder, welche sie bis heute unter schwierigsten Bedingungen unterhält. Ihr Ziel: armen Kindern eine Bildung zu ermöglichen, damit sie mehr Möglichkeiten haben als nur die, sich als billige Arbeitskraft zu verdingen. Auch hier konnte das Paar aus Voitmannsdorf nicht wegsehen und unterstützt das Projekt Rose Education Center mit Hilfe eines extra dafür gegründeten Vereins, der noch weitere Projekte betreut, bis heute. „Wir sind jedes Jahr für drei bis vier Wochen in Tansania, oft in Begleitung von Jugendlichen“, berichtet Thomas. Für das Bamberger Franz-Ludwig-Gymnasium, das jetzt die Partnerschule Rose Education Centers ist,  betreuen die beiden ein entsprechendes Schüler-Projekt, zu dem auch längere Besuche dort gehören. „Danach begegnen diese Jugendlichen dem Leben anders. Nicht nur, weil sie erleben, was Armut wirklich bedeutet, sondern vor allem wegen der großen Herzlichkeit, die sie dort von Menschen erfahren, die nur einen Bruchteil besitzen von dem, was hier schon in jungen Jahren selbstverständlich ist.“ Entsprechend sieht er die wichtigste Aufgabe für das Lernen von Resilienz in Kindheit und Jugend bei den Eltern. „Nur wenn wir Kindern vorleben, wie es geht, gewinnen sie einen Zugang. Lebendig sein, etwas ausprobieren und flexibel sein sind wichtige Schritte auf dem Weg zur inneren Stärke.“ Für Kinder könne man die Kernpunkte der Resilienz etwa wie folgt formulieren:  Suche dir einen Freund, und sei anderen ein Freund. Fühle dich für dein Verhalten verantwortlich. Glaube an dich selbst. Friederike: „Wir erarbeiten uns die Fähigkeit zur Resilienz während unseres ganzen Lebens, z.B. auch, indem wir uns mit Freundschaften auseinander setzen und Konflikte austragen. Wir lernen, nicht in die Opferrolle zu gehen, sondern Situationen zu verändern, Dinge zu probieren und vor allem: immer wieder in Kontakt zu gehen.“ Im Moment arbeiten die beiden intensiv an dem weiteren Ausbau des Avena Hofes, in den sie viel Zeit und ihr komplettes Kapital investieren. Friederike: „Ich möchte immer noch weiter kommen, zu dem, was wirklich wichtig ist und das hier, an einem Ort manifestieren. Hier wollen wir auch anderen Menschen einen Raum ermöglichen, das zu erleben. Für mich heißt Resilienz, ein Gefühl dafür zu bekommen, im Jetzt zu leben und dafür seine Energie zu investieren. Geld ist ja auch Energie.“ Es waren schon viele Menschen dort, um sich als Teil dieser Gemeinschaft niederlassen, manche blieben einige Jahre, manche gingen sehr schnell wieder berichten die beiden. „Wir erleben hier viele Suchende. Manche Menschen sind immer in Beschäftigung – sie tun wirklich alles dafür, um sich selbst nicht nahe zu kommen. Deshalb halten viele hier das Leben nicht aus.“

Thomas: „Wir wollen eine Wahlfamilie schaffen mit der Idee, uns gegenseitig in allen Lebenslagen zu unterstützen.“ Ihre größte Freude sei das Miteinander betonen die beiden, und diese Freude ist auch im Zusammensein mit ihnen spürbar. Freilich, auch auf dem Avena Hof gab und gibt es düstere Phasen, wie sie erzählen. Thomas: „Viele Menschen meinen, Glück heiße, den Schmerz und Unangenehmes zu vermeiden, dabei ist es gerade umgekehrt: Es braucht eine lebensbejahende Grundhaltung, ein „Ja“-Sagen zu allem, was uns im Leben begegnet, auch zu den weniger schönen Dingen. Dies gelingt, wenn wir uns ein Umfeld schaffen, mit dem man auch mal durch die Scheiße gehen kann.“ Mit diesen Sätzen ist er ganz nah bei der amerikanischen Psychologin Emmy Werner von der University of California, die als die „Mutter der Resilienzforschung“ gilt. Ihre berühmte „Kauai-Studie“ leitete den Perspektivenwechsel in der Wissenschaft ein, und sie formulierte folgende Definition: „Resilienz ist das Endprodukt eines Prozesses, der Risiken und Stress nicht eliminiert, der es den Menschen aber ermöglicht, damit effektiv umzugehen.“ Diese Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten des Lebens kennen auch Friederike und Thomas und haben dennoch für sich die Sicherheit, die richtigen Entscheidungen getroffen und den für sie richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Friederike: „Das hier ist das, was mich jetzt am meisten glücklich macht – was in zehn Jahren sein wird, weiß ich ja nicht. Aber jetzt setze ich alle meine Energien hierfür ein. Denn – in dem Moment, in dem man Dinge in einen Fluss bringt, entsteht daraus etwas.“ (Kerstin Bönisch)

www.avena-hof.de

www.anamcara-network.de

www.karrierebibel.de/resilienz/

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